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„Mein Zuhause ist die ganze Welt“

Mit drei Würsten im Gepäck glücklich gen Süden - Das Leben eines Globetrotters

„Ich komme immer nur einmal an den gleichen Ort.“ Globetrotter Vaclav Gänsl in der Dithmarscher Kreisstadt Heide.
  • Von Sönke Dwenger (Dithmarscher Landeszeitung, 

14. Oktober 2003)

„Könnten Sie mir den Artikel bitte nachschicken ins Übernachtungs- und Wohnheim Hanau?“ Kein Straßenname, keine Postleitzahl. „Das wird schon ankommen. Die sammeln seit Jahren meine Post.“

Am Wochenende war ein interessanter Gast in Heide. Vaclav Gänsl. Globetrotter. Seine erste Anlaufstelle war - wie immer, wenn er eine größere Stadt erreicht - die Polizeiwache. Denn die originellen Referenzen, die der 68-Jährige in einem Leitz-Ordner sammelt, öffnen ihm später auch anderswo Tür und Tor. Diesmal begleitet ihn sogar ein Polizeioberkommissar höchstpersönlich zur Redaktion der Heimatzeitung: „Über Herrn Gänsl müssten Sie unbedingt mal schreiben; was der alles erlebt hat. . .“, schwärmt Claus Franzen und klebt sogar noch ein Polaroid-Sofortbild von ihm, seiner Sekretärin Bärbel Niebuhr und dem strahlenden Wandersmann auf die nette Bescheinigung der Polizeizentralstation Heide: „Wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute, Gesundheit und Glück.“

Tatsächlich: Schon eine Stunde später, pünktlich zur Mittagszeit am zugigen Marktplatz, hat Gänsl wieder Glück: Der Betreiber eines Imbisses spendiert ihm nicht weniger als sechs Würste, zwei Dosen Cola und fünf Euro. „Unterwegs habe ich noch nie gehungert, aber jetzt bin ich richtig satt“, erzählt der fröhliche Mann. Drei der Würste hat er gleich mit Genuss gegessen, die anderen drei und eine Cola steckt er in seinen prallen Rucksack, der stolze 40 Kilo auf die Waage bringen soll. Und in der dicken Sammelmappe mit den unzähligen Klarsichthüllen voller Zeitungsartikel und besten Wünschen landet die Würstchenpappe, auf der sich Imbiss-Betreiber Alexander von Hemm verewigt hat: „Alles Gute auf all Deinen Wegen - und denke an die Bratwurst.“

Seit 1974 mehr als 130 Länder bereist

Sein Weg soll den gebürtigen Sudetendeutschen nach Hamburg führen. Dort will Vaclav Gänsl wieder anheuern auf einem Containerdampfer, der ihn zur Kaffeeernte nach Südamerika bringen wird. Für die Überfahrt will der robuste Reisende handfeste Arbeit an Bord leisten. Das hat in den vergangenen Jahren schließlich auch geklappt. Danach zieht es ihn einige tausend Kilometer in Richtung Norden auf die Baumwollfelder, danach zu den Teepflückern nach Indien und Indonesien und weiter auf eine australische Farm. Gänsl war Baumfäller in Kanada und Diamantschürfer in Südafrika. „Ich spreche, was ich so gelernt habe - etwas Spanisch, Englisch und Portugiesisch.“ Übernachtet wird meistens unter freiem Himmel. „Am schönsten ist es in Peru - nicht nur landschaftlich, auch die Gastfreundschaft ist unglaublich.“ Arm und Reich seien in Peru „wie durch einen Schlagbaum“ getrennt, „und ich fühle mich immer zur armen Bevölkerung hingezogen; diese Menschen sind einfach anders als die Reichen.“

Schon seit 1974 marschiert Gänsl durch die Weltgeschichte. Mehr als 130 Länder habe er bereist und dabei 370 000 Kilometer zurückgelegt. Ein Fahrrad will er sich nicht anschaffen: „Das ist viel zu gefährlich bei dem heutigen Verkehr.“ Selbst Landkarten benutzt er nicht; die Sonne ist sein Kompass. Im Alter von acht Jahren wurde er bei einem Bombenangriff in einem Berliner Kinderheim verschüttet. Zweieinhalb Tage lag er unter den Trümmern, verlor ein Augenlicht und zittert noch heute immer wieder am ganzen Körper. „Ich war schon mal beim Arzt deswegen, aber der sagte mir, dagegen kann man nichts machen. Na ja, dann zitter ich eben weiter durch's Leben.“

Sein Vater ist im Krieg gefallen; seine Mutter war Krankenschwester an der Ostfront und blieb vermisst. Als junger Mann zog Vaclav Gänsl mit einem Zirkus durch Europa, pflegte die Raubtiere und versuchte sich als Dompteur. Vor 29 Jahren brannte der kleine Zirkus in Spanien ab, und Gänsl wollte zurück nach Deutschland. „Zigeunerpack brauchen wir hier nicht“, habe er zu hören bekommen. Damit verabschiedete er sich endgültig aus der sesshaften Gesellschaft: „Mein Zuhause ist die ganze Welt.“

Ob Vaclav Gänsl manchmal als Karl May durch die Lande zieht, oder ob er wirklich jede der blumigen Geschichten selbst erlebt hat, macht keinen Unterschied. Er sorgt mit seinen Anekdoten für etwas Farbe in unserem grauen Alltag und genießt, wovon so viele nur träumen: die kleine Freiheit.

„Ich habe Glück gehabt“

Dr. Erich Borchardt trägt 46 Millionen Mark Spenden für Kinderklinik in Warschau zusammen

  • Von Sönke Dwenger (Dithmarscher Landeszeitung)

Am Ende des dreistündigen Gespräches gibt mir Dr. Borchardt an seiner Haustür eine kleine, aber feine Bitte mit auf den Weg: „Schreiben Sie lieber ein Wort zu wenig, als ein Wort zu viel. Gefühlsduselei ist das Schlimmste, was einem passieren kann.“

So bescheiden gibt sich ein Mann, der in seinem Leben 46 Millionen Mark an Spendengeldern zusammengetragen hat, um in Warschau ein Kindergesundheitszentrum bauen zu können. Es soll ein lebendes Denkmal sein - „zum Gedenken an die 13 Millionen Kinder, die im Zweiten Weltkrieg ihr junges Leben verloren haben.“ Erich Borchardt ist selbst ein junger Mann, ja, fast noch ein Kind, als er das Schlüsselerlebnis zu dieser Idee hat: Mit 17 Jahren wird er Soldat und kommt gleich in die kämpfende Truppe. Auch seine drei Brüder sind im Krieg.

Im September 1944 soll der Offiziersanwärter in einem Sondereinsatz den Volksaufstand in Warschau niederschlagen: „Die Stadt brannte schon, als ich eintraf; den Geruch habe ich jetzt noch im Kopf. Mein Kompaniechef und der Bataillonskommandeur waren schon gefallen. Wir sollten Pioniere ausräuchern, und ich wollte unbedingt das Deutsche Kreuz in Gold und die Nahkampfspange haben. So fanatisch und dumm kann man sein. Deshalb lege ich heute keinen Wert auf Abzeichen.“ Von den 122 Soldaten seiner Kompanie überleben nur vier diesen Einsatz. Jahrzehnte später lehnt Borchardt das Bundesverdienstkreuz ab, „weil ich weiß, dass Menschen es bekommen haben, die es nicht verdienten.“ Ihm wird 1977 als erster deutscher Staatsbürger die höchste polnische Auszeichnung verliehen: der Verdienst-Orden der Republik Polen, „Komandoria“ in Gold. Im Namen der UNICEF und „der polnischen Kinder“ wird er 1978 auch noch „Ritter des Ordens des Lächelns“. Das Ende des Krieges erlebt Borchardt in der „Führer-Reserve“ als Verteidiger von Berlin. Sechs Jahre sitzt er in sowjetischer Gefangenschaft - „zusammen mit vielen Stabsoffizieren; das hat geprägt.“ Beim Einsturz eines Stollens in Sibirien erleidet Erich Borchardt drei Schädelbasisbrüche, doch auch dieser schlimme Unfall bereitet den Weg zu seinem Lebenswerk.

1956 die DDR verlassen

Die Eltern hatten einen Hof bei Stettin; nach dem Krieg landen sie in Greifswald. Erst nach einem Intelligenztest darf der 100-prozentig Schwerstbeschädigte 1951 das Architekturstudium an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Greifswald aufnehmen. Den guten Rat seines Großvaters beherzigt er sein Leben lang: „Junge, versuche immer, mit Leuten zusammen zu sein, die schlauer sind als du.“ Der spätere Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR, Hermann Kant („Die Aula“), gehört zu seinen Freunden. „Kant war ein guter Mensch. Er sagte 'mal zu mir nach harten Diskussionen mit Ulbricht und Honecker: Du landest bestimmt wieder in Gefangenschaft. Und ich fragte ihn irgendwann: Warum bist Du den falschen Weg gegangen?“ Nach dem Studium übernimmt Erich Borchardt die Planung und den Bau eines großen volkseigenen Vorzeige-Betonwerkes.

Im Oktober 1956 geht er in den Westen, weil er „nicht immer mit den Grundsätzen des Sozialismus übereinstimmen konnte“. „Ich hätte Bauminister werden können“, aber er will seine eigene Firma aufbauen: Zuerst ist er Maurer, dann Polier und schließlich Bauleiter. Nach Feierabend errichtet er zwei Einfamilienhäuser; der Erlös ist 1959 der Grundstein für die Übernahme eines Baugeschäftes mit 23 Mitarbeitern in Schneverdingen. Der Bauingenieur ist damals 32 Jahre alt. Er sorgt für eine straffe Arbeitsorganisation, entwickelt rationelle Arbeitsmethoden und schafft auf tariflicher Basis mit dem Betriebsrat ein leistungsgerechtes Lohnprinzip.

„Man muss kausal denken“

Zu jedem Weihnachtsfest bekommen die Mitarbeiter ein persönliches Geschenk, eine Treueprämie und eine fette Gans. Zehn Jahre später stehen rund 1000 Beschäftigte bei Borchardt in Lohn und Brot. „Er ist auch im Privaten eine Persönlichkeit“, heißt es 1969 in der Chronik zum Firmenjubiläum: „Vital, rastlos und energiegeladen, mit einem sicheren Gefühl für Maß, Proportion und Qualität.“ Von 1962 bis 1970 sitzt der zielstrebige Unternehmer im Wirtschaftsrat der Bundes-CDU, bleibt aber parteilos. Von 1966 bis 1971 ist er ehrenamtlicher Präsident und Baudezernent des Deutschen Körperbehindertenverbandes und verhandelt mit den Großen der deutschen Nachkriegspolitik und -wirtschaft: Erhard, Barzel, Brandt, Schmidt, Wehner. „Adenauer wollte immer viel über die Sowjets, Honecker und Pieck wissen.“ Das dicke Album mit Fotos und Widmungen liegt gut gehütet in seinem Schreibtisch.

„Man muss kausal denken“, hat Dr. Borchardt gelernt: „Das eine bedingt das andere. Ich habe immer für meine Partner mitgedacht, denn ein Geschäft ist nur dann ein wirkliches Geschäft, wenn beide Seiten zufrieden sind, denn man trifft sich immer zweimal. Und man muss sich rechtzeitig darum bemühen, sich abzuschirmen und darauf achten, ob man angegriffen wird. Ich habe Glück gehabt.“ Nach seinem vierten Herzinfarkt und einem schweren Unfall wird der Rastlose im Jahre 1969 endgültig Invalide. Er verkauft seinen Betrieb. Drei weitere Infarkte werden folgen, „aber alle, von denen ich für tot erklärt worden war, leben nicht mehr.“ Dr. Borchardt, hingegen, kämpft weiter besessen für eine Idee: „Bis zum letzten Atemzug habe ich die moralische Pflicht, das Kinderkrankenhaus in Warschau zu bauen, damit Kinder weiterleben können! Mit Worten erreicht man Menschen heutzutage nicht mehr; was wir brauchen, sind Taten.“ 1969 legt Borchardt am „Ehrenmal für unbekannte Soldaten“ in Warschau Blumen nieder. 1971 bittet UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim den Präsidenten des Deutschen Körperbehindertenverbandes, sich mit dem „Denkmal-Krankenhaus“ zu befassen.

Als Feinde gegenübergestanden

Dr. Borchardt reist nach Warschau und trifft den damaligen Gesundheitsminister Stanislaw Marcinowski. Schnell stellt sich heraus, dass sich diese Männer 1944 im „Hotel Europäski“ als Feinde gegenüberstanden! Beide 17 Jahre alt, der eine als deutscher Soldat, der andere als polnischer Widerstandskämpfer. Beide haben die Vergangenheit bewältigt, werden echte Freunde und zum Vorbild der polnisch-deutschen Verständigung. Damit nicht genug: Der „Ingenieur aus Deutschland“ setzt alle Hebel in Bewegung, um seine Kontakte zu Politik und Wirtschaft in Spenden umzuwandeln. Schon am 3. Juni 1973 wird der Grundstein gelegt für den Bau des „Denkmal-Krankenhauses“. Fortan ist es Borchardt selbst, der auf der Baustelle Qualität und Termine überwacht - und durchsetzt. Am 8. April 1977 findet ein Staatsakt des Staatsrates der Volksrepublik Polen zu Ehren von Dr. Erich Borchardt statt. Das hat es für einen Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland vorher nicht gegeben. Im Saal sitzen u.a. Kurt Waldheim, der UNICEF-Botschafter Peter Ustinov, die Gattin des US-Präsidenten, Rosalynn Carter, sowie Hannelore Schmidt und Barbara Genscher.

Termingerecht am 3. Juni 1979, dem internationalen Tag des Kindes, wird das Krankenhaus seiner Bestimmung übergeben. Drei Tage später schickt Minister Marcinowski einen Dankesbrief nach Hannover an Dr. Borchardt: „Ihre soziale Leistung ist nicht mehr in materiellen Werten zu messen. (...) Ich glaube, lieber Freund, das Schicksal wollte es, dass Sie und ich 1944 in Warschau überlebten. (...) Einen Wunsch bitte ich zu erfüllen: Achten Sie mehr auf Ihre Gesundheit. Wir, Ihre Familie und die Kinder der Welt erwarten weiterhin Ihre Erfahrung und Ihre Hilfe.“ Seit nunmehr fünf Jahren lebt Dr. Erich Borchardt in Heide, um in der Nähe seiner Tochter zu sein. Gesellschaftlich ist er hier in Dithmarschen nicht in Erscheinung getreten. Mit Datum vom 4. Juni 2001 hatte er zweckgebundene Geldspenden, Sachspenden sowie Ingenieur- und Architektenleistungen für das Denkmal-Krankenhaus im Gesamtwert von 46.714.883,55 Mark nachgewiesen. Als Stanislaw Marcinowski starb, bat er Dr. Borchardt an sein Bett.